Blutrache: Rache bedeutet am Ende ist keiner ein Gewinner

Blutrache
‚Auge um Auge macht die ganze Welt blind‘ by Mahatma Ghandi

Die Entscheidung alles zurück zu lassen und mein Land zu verlassen, ermutigt durch meine Eltern, war die bisher schwierigste in meinem Leben. An dem Tag an dem ich mein Land verlassen habe, wusste ich weder ob ich die Flucht überleben würde noch wann und ob ich meine Eltern und Geschwister je wieder sehen werde. Als ich mich von meiner Familie verabschiedete wusste ich dass die Chance während der Flucht
zu sterben sehr hoch ist. In diesem Bewusstsein bat ich meinen Bruder, während ich mir die Schnürsenkel meiner Schuhe zuband: “Sorge bitte dafür, dass Mama nicht zu oft an mich denkt sollte mir etwas passieren und ich euch nicht wieder sehen. Sie soll nicht traurig sein und ich bitte dich, sie im schlimmsten Fall, immer wieder daran zu erinnern, dass sie ja noch vier andere Söhne hat.“

Wenn man die Menschen in Europa fragt was sie denken, dass die Hauptgründe für die Flucht von Afghanen sind, wird wahrscheinlich das Wort ‘Taliban’”am öftesten fallen.  Während die Kämpfe und Anschläge der Taliban in vielen Provinzen meines Landes nach wie vor ein Grund für die deprimierende Unsicherheit in meinem Land sind, eine Tatsache die wie ich finde sowohl in afghanischen als auch westlichen Medien herunter gespielt wird, ist dies dennoch nicht der einzige Fluchtgrund für Afghanen. Blutrache und Ehrenmorde, sind zum Beispiel auch ein immer wiederkehrender Fluchtgrund, jeddoch einer mit dem viel weniger Menschen vertraut sind. Meine Website soll nicht nur meine eigene Geschichte erzählen, sowie Deutsche in Bezug auf ihre Erfahrungen mit mir zu Wort kommen lassen, sondern auch für mehr Verständnis und Bewusstsein zu wichtigen Themen im Bereich Flucht beitragen.

Eine der ersten Fragen die ich von Deutschen immer wieder gestellt bekomme ist warum ich aus meinem Land fliehen musste.  Manchmal reicht es jeddoch nicht aus einfach nur den Grund zu nennen. Aus diesem Grund möchte ich in diesem Artikel mehr Informationen zur Blutrache und Ehrenmorde, eine komplexe Thematik die Europäern meist sehr fremd ist, darstellen. Blutrache und Ehrenmorde spielen leider auch in meinem Leben eine große Rolle. Während ich in diesem Eintrag Institutionen wie die UN Flüchtlingskommission, die zu diesem Thema viel Wissen hat, zu Wort kommen lassen, werde ich in einem weiteren Artikel erklären inwiefern dieses Thema für mich in den letzten Jahren zu einem großen Problem wurde.

Was ist eigentlich Blutrache?

Generell wird Blutrache wie folgt definiert: “Ein langwieriger Konflikt zwischen Familien, der Zyklen von vergeltenden Ermordungen und Verletzungen beinhaltet.” Im Klartext und in der Praxis heißt das
meistens, dass die Mitglieder einer Familie die Mitglieder einer anderen Familie in Form von Racheakten ermorden. Diese Praxis basiert auf altertümlichen Vorstellungen von Ehre und Verhaltenskodexen. Aufgrund
der starken Stammesstruktur der Gesellschaft in meinem Land (einer der Gründe warum meiner Meinung nach Demokratie in meinem Land nicht funktioniert) sind Blutrache und Ehrenmorde weiterhin ein großes
Problem. Aufgrund des Ausmaß an Korruption und des schlechten Verhaltens von Polizeibehörden haben die meisten von uns weder Hoffnung auf Schutz noch Gerechtigkeit, es sei denn eine Familie hat gute Beziehungen in der Politik.

Außereheliche Beziehungen – ein Grund für Blutrache und Ehrenmorde?

Blutrache und Ehrenmorde, entstehen unter anderem wenn auch nicht ausschließlich, basierend auf einem Sozialverhalten, welches die Gesellschaft oder Mitglieder der Gesellschaft als inakzeptabel empfinden. Viele Deutsche gehen immer davon aus, dass in unseren Ländern alles anders ist und vor allem die Menschen anders sind als in Europa. Natürlich haben wir unsere eigene Kultur, aber als Menschen in dem was wir uns wünschen und was wir empfinden sind wir am Ende doch alle gleich. Genau aus diesem Grund sind auch in meinem Land junge
Menschen genaus so an Beziehungen und Verabredungen interessiert wie in euren Ländern. Da unsere Gesellschaft aber sehr konservativ ist erlauben uns gesellschaftliche Moralvorstellungen dies nicht, und trotzdem gehen wir das Risiko in der Hoffnung nicht erwischt zu werden am Ende doch ein. Wir sind eben auch nur Menschen.

Im nächsten Paragraphen könnte ihr lessen was die UN Flüchtlingskommission zu diesem Them aim Zusammenhang mit Blutrache und Ehrenmorden in Afghanistan zu sagen hat:

·      Menschen die ein Vergehen gegen die religiöse Gesetzgebung begehen wie zum Beispiel Blasphemie, homosexuelle Beziehunge oder außereheliche Beziehungen laufen nicht nur Gefahr verfolgt zu werden, sondern gesellschaftlich abgelehnt zu werden und Gewalt seitens der eigenen Familie, Mitgliedern ihrer Gemeinschaft, der Taliban oder von anderen anti- Regierungsgruppen zu erfahren

·      Eine sexuelle Beziehung außerhalb der Ehe wird in Afghanistan als Vergehen mit Ehebruch gleichsetzt; alleine die Behauptung eines solchen ‘moralischen Verbrechens’ kann zu Ehrenmorden führen

·      Diese Praxis (Blutrache und Ehrenmord) betrifft nicht nur Frauen sondern auch Männder, v.a. im Falle von Ehebruch oder außerehelichen Beziehungen

Aus diesen Gründen schlussfolgerte die UN Flüchtlingskommission, dass Menschen deren Verhalten den afghanischen Moralvorstellungen wiederspricht, abhängig vom jeweiligen Fall, sehr wohl vom internationalen Flüchtlingsschutz abhängig sein können, basierend auf Religion oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe zum Beispiel.

Blutrache & verschiedene Ethnien oder Religionszugehörigkeit

Basierend auf meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrunge, verschlimmert sich die Situation immense wenn die beiden involvierten Seiten verschiedenen Ethnien und Religionen angehören. Die Flüchtlingskommission erklärt hierbei:

‘Ethnische Unterteilungen in Afghanisten bleiben weiterhin stark ausgeprägt. Afghanistan verbleibt das viert gefährlichste Land für ethnische Minderheiten, insbesondere aufgrund von Angriffen auf Einzelpersonen aufgrund von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit. Im afghanischen Kontext sind hierbei insbesondere Hazaras, Paschtunen, Tajiken, Uzbeken, Turkmenen und Baluchist einem Risiko ausgesetzt.

Daher folgert die UN Flüchtlingskommission, dass vor allem Einzelpersonen die einer von Afghanistan’s Minderheiten angehören und in Gegenden leben, in welchen sie nicht die ethnische Mehrheit darstellen, in manchen Fällen internationalen Flüchtlingsschutz brauchen. Natürlich ist dies am Ende vom Einzelfall abhängig. Vor allem sind hierbei des weiteren folgende Aspekte zu betrachten: Die relative Machtposition der ethnischen Gruppe im Bezirk der Einzelperson oder die Geschichte von inter-ethnischen Spannungen in diesem Bezirk. Des Weiteren können Schutzansprüche basierend auf Ethnie oder Rasse mit anderen Schutzansprüchen wie z.B jenen basierendauf Religion oder politischer Ansichten überlappen. An Hand meiner eigenen Geschichte werden viele dieser abstrakten Richtlinien am Ende besser verständlich werden.

Zur Dauer von Blutrache

Blutrachefälle können viele Hintergründe haben wie z.B. Mord oder andere Vergehen inklusive die Verursachung permanenter, ernster Verletzungen, Entführungen, Konflikte über Länderein, Zugang zu Wasserresourcen oder außereheliche Beziehungen. Durch Blutrache können langjährige Zyklen an vergeltender Gewalt und Racheakten entstehen. Sollte eine Familie nicht in der Lage sein Rache zu verüben, ist es gut möglich dass die Familie des Opfers einfach den richtigen Zeitpunkt abwartet und sich selbst nach vielen Jahren noch rächt. Aus diesem Grund kann Blutrache mehrere Jahre andauern und sich sogar über Generationen hinweg ziehen. Selbst wenn der Täter von der Justiz formell verurteilt wird, sind somit Racheakte seitens der Familie des Opfers noch lange nicht ausgeschlossen. Es sei den ein traditionelles/Stammesverfahren beendet den Konflikt, ist davon auszugehen, dass die Familie des Opfers sich rächt sobald der Täter seine Stafe abgeseßen hat.

Aufgrund dieser Tatsachen wird Blutrache von der UN Flüchtlingskommission, abhängig von den Umständen des Einzelfalls, basierend auf einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen oder anderweitig relevanten Gruppe als ein Grund für internationalen Flüchtlingsschutz anerkannt bzw. empfohlen

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