Als afghanischer Flüchtling geboren in Pakistan: Erinnerungen an meine frühe Kindheit

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Ich als Baby in Pakistan

Zeit hat in Afghanistan einen anderen Stellenwert als in Europa. Was ich damit meine ist, dass in Europe ein Datum oder ein bestimmter Zeitpunkt alles zu sein scheinen, in meinem Land aber relativ unbedeutend sind für gewöhnliche Menschen. Es gibt schlichtweg wichtigeres in unserem Leben. Viele Afghanen wenden sich hilfesuchend an Freunde und Verwandte wenn man sie fragt wann sie denn geboren sind, vor allem jene in ihren 20ern oder 30ern, die also während dem Krieg geboren wurden. Das erste Mal als mich überhaupt jemand gefragt hat was mein Geburtsdatum ist, war als ich bei meiner Ankunft in Deutschland als Flüchtling registriert wurde. Unwissend habe ich erstmal meine Familie angerufen und gefragt. Doch selbst innerhalb meiner Familie war man sich noch nicht einmal sicher wie alt ich denn eigentlich bin, von einem Geburtsdatum ganz zu schweigen. So hörte ich verschiedene Einschätzungen von meiner Mama, meinem Papa und meinem Opa. Ich bin wohl etwas um die Anfang 20. Als ich geboren wurde, mitten im Krieg, hatte meine Familie schlichtweg andere Sorgen und sah keine Notwendigkeit mein Geburtsdatum oder Jahr festzuhalten. Hinzu kommt, dass wir in Afghanistan dem islamischen Kalender folgen und nicht dem europäischen. Ein Bericht der UNO zur Situation in Afghanistan in den 80er und 90er Jahren gibt zu diesem Thema weiter Aufschluss: „In Afghanistan ist die Registrierung von Geburten mittlerweile zwar per Gesetzgebung verpflichtend, aber ein 23-Jahre andauernder Konflikt dezimierte administrative Mechanismen und soziale Institutionen, welche derartiges unterstützen.“

Die Heirat meiner Eltern und meine Familie

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Meine Schwester, mein Papa und ich

Die Erinnerungen meiner ersten Lebensjahre sind fragmentiert, aber an das was ich mich noch erinnern kann, möchte ich trotztdem gerne teilen. Dabei solltet ihr aber nicht vergessen, dass Angaben von Zeit und Jahren, bestenfalls eine Einschaetzung sind aufgrund der oben genannten Gruende. Die meisten Ehen in meinem Land waren und sind weiterhin arrangierte Ehen. Das heisst die Eltern, vor allem die Mutter, bemüht sich um einen passenden Ehepartner fuer ihre Söhne und Töchter. In diesem Sinne suchte auch meine Oma irgendwann für meinen Papa eine passende Frau. Meine Eltern war damals noch sehr jung. Eines Tages, als meine Oma die Schwester meines Opas in ihrem Dorf in Afghanistan besuchte, sah sie meine Mama. Bei ihrer Rückkehr nach Pakistan, die Familie meines Vaters lebte damals bereits dort, sprach sie mit meinem Papa und kurze Zeit spaeter wurde die Hochzeit arrangiert. Ihr findet es wahrscheinlich interessant zu wissen, dass meine Eltern sich zum ersten Mal an ihrem Hochzeitstag gesehen haben. Aber mein Vater hat grosses Glück, denn meine Mama ist eine sehr hübsche Frau. Kurze Zeit später wurde ich als das erste von sechs Kindern meiner Eltern als afghanisches Flüchtlingskind in Peshawar in Pakistan geboren. Mein Land war damals schon im Kriegszustand. Die Registrierung meiner Geburt kam damals niemanden in den Sinn. Vermutlich habe ich etwa die ersten zwei bis drei Jahre in Pakistan gelebt, bevor meine Eltern beschlossen die Rückkehr nach Afghanistan zu waagen. Bereits vor unserer Rückkehr wurde meine Schwester geboren. Da ich noch sehr klein war, kann ich mich an die Rückkehr kaum erinnern. Aber ich erinnere mich, dass ich selbst nach unserer Rückkehr noch ab und zu  länger Zeiten in Pakistan verbracht habe. Mein Oma, nach ihren Besuchen in Kabul, nahm mich des öfteren mal für zwei Wochen oder einen Monat mit nach Pakistan.

Das Leben in Kabul unter der Taliban

Bei unserer Rückkehr nach Kabul war die Taliban zwar bereits an der Macht, die Situation aber noch erträglich. Damals waren weder Musik, noch Fernsehen oder andere Arten der Unterhaltung erlaubt. Meine Familie nahm das Risiko des Fernsehens jeddoch trotzdem ab und zu in Kauf, um Nachrichten zu hören. In unserem sogenannten ‚sicheren Zimmer‘ wurde immer zuerste das Fenster so stark verdunkelt und abgeklebt, dass das Licht des Fernsehers auch ganz sicher nicht nach draussen dringen konnte. Auch die Lautstärke haben wir so gut wie moeglich runter gefahren. Eine weitere Gefahr damals war die ‚Sittenpolizei‘ der Taliban, die vor allem jungen Menschen das Leben schwer gemacht haben. Männern und Frauen, die nicht eng mit einander verwandt waren, durften damals nicht zusammen auf die Strasse gehen. Frauen durften ohnehin nur in Begleitung ihres Ehemann, Sohn oder Vater rausgehen.

Doch die Perfidität stoppte hier nicht: Einer meiner Onkel wurde damals für zwei oder 3 Tage verhaftet und festgenommen als er mit seiner Mutter auf der Strasse war. „Wer ist diese Frau“, fragte ihn der Sittenpolizist barsch. „Das ist meine Mutter“, antwortete er so ruhig wie möglich. Die Polize der Taliban war damit aber noch nicht zufrieden, schenkte ihm erstmal keinen Glauben und verhaftete ihn, bevor er weniger Tage später wieder freigelassen wurde. Was vielen damals auch Angst machte, war die Praxis der Taliban Dieben zur Strafe die Hand abzuhacken. Um den Rest von uns abzuschrecken, hängte sie damals die abgetrennten Hände an Bäumen in der Nähe von Kreuzungen und Strassen auf an denen viele Menschen vorbei kommen.

Zwei meiner Onkel waren während dieser Zeit in Kabul Fussballspieler in bekannten Manschaften im Land. Mein Vater hat mich dabei hin und wieder zu den Spielen im Stadium in Kabul mitgenommen. Einer meiner Onkel spielte damals zum Beispiel für Shiva F.C. Kabul. Vor dem Spielantritt benutzte die Taliban das Stadium jeddoch regelmässig für öffentliche Hinrichtungen. Auch ich habe so meine erste Hinrichtung miterlebt als ich noch ziemlich jung war. An diese Sache kann ich mich noch ziemlich genau erinnern. Die Taliban brachte einen Mann ins Stadium und zwang ihn auf die Knie. Dannach wandte sie sich an den Vater des Opfers, dass er umgebracht hatte und fragte: „Was sollen wir mit diesem Verbrecher tun? Wenn du möchtest, dass wir ihn umbringen machen wir das.“ Kurze Zeit später wurde der Mann vor unseren Augen hingerichtet. Mein Vater wandte sich wenig vorher an mich und sagte: „Du musst das nicht ansehen,“ und verdeckte meine Augen mit seiner Hand. „Nicht notwendig, ich kann meine Augen mit meiner eigenen Hand verdecken“, antwortete ich und er lies ab von mir. Doch von der Neugier getrieben spitzte ich durch meine Finger uns sah was passierte. In Worten kann ich nicht beschreiben was ich damals gefühlt habe. Was fühlt man wenn ein Menschen einen anderen Menschen umbringt und wie ein Tier behandelt? Ich war schockiert, traurig und von Angst getrieben. Es blieb aber nicht bei diesem einen Mal. Zu anderen Zeiten sah ich ähnliches im Fernsehen und unter anderem auch die Hinrichtung einer Frau.

Arbeit und Einkommen meiner Familie

Vor unserer Rückkehr nach Afghanistan und in den Jahren in Kabul bevor wir wieder nach Pakistan fliehen mussten, war mein Vater, viele meiner Onkel und auch mein Opa im Teppichgeschaeft aktiv. Wir haben Teppiche nicht nur zwischen Afghanistan und Pakistan gehandelt, sondern auch teilweise selbst gewebt. Mein Vater betrieb zudem eine kleines Geschaeft in Kabul das Garne, Schnurren usw. zur Teppichherstellung verkaufte. Als ich etwas älter wurde war auch ich aktiv beteiligt. Oft habe ich meine Onkel, Vater oder Opa begleitet wenn wir zehn oder zwanzig Teppiche nach Pakistan gebracht haben. Aus diesem Grund kenne ich heute noch so ziemliche jeden Weg der von Afghanistan nach Pakistan über die Grenze und vorbei an offizielen Grenzübergängen führt. Da sowohl auf der afghanischen als auch pakistanischen Grenze die Polizei Bestechungsgelder forderte oder uns nicht rein gelassen hat, waren wir gezwungen andere Wege zu finden. Wir konnten es uns nicht leisten einen Teil des Familieneinkommens durch Bestechungsgelder zu verlieren. Oft haben wir auf dem Weg durch die Berge auch in den Bergen und Wäldern geschlafen. Insgesamt sagt mein Vater heute wenn er über die Zeit damals spricht, dass diese Zeit nicht immer einfach war und das wir viele Risiken eingehen mussten, aber zumindest unsere finanzielle Situation ok war. Wir kame über die Runden.

Erneute Flucht nach Pakistan

Mit der Zeit und den anhaltenden Kämpfen zwischen der Taliban und anderen Gruppen verschlechterte sich die Sicherheit aber immer mehr. Bei Familienbesuchen in Pakistan versuchten unsere Verwandten uns zusehends davon zu überzeugen nach Pakistan zu kommen. „Hier müsst nicht ständig in Angst leben, habt Strom, koennt arbeiten und habt mehr Freiheiten“, meinten sie bei Besuchen. Wir haben damals in Kabul schon einige Nächte und Tage im Keller verbracht wenn die Bombadierungen und Befeurung unserer Stadt zu intensiv wurde. Als es gar nicht mehr ging und immer mehr Familien flohen, beschlossen auch meine Eltern zu gehen. Damals haben wir alles was wir uns bis dahin aufgebaut hatten verloren: Unser Haus und auch unser Geschäft.

In Pakistan kamen wir mit nichts an und machten schwierige Zeiten durch. In den ersten zwei Monaten schickten meine Eltern mich noch zur Schule. Aber dannach konnten sie es sich schlichtweg nicht mehr leisten. Ein paar Erinnerungen von der Schule habe ich aber noch: So haben wir an manchen Tagen Essen und Kuchen für die Lehrer mitgebracht. Auch das buchstabieren habe ich in der kurzen Zeit gelernt. Und einer der Lehrer war irre streng. Jedes Mal wenn jemad zu spaet war, bekam er mit einem Stock Schläge auf die Hand. Mir ist das zweimal in der Zeit passiert.

Die finanzielle Situation meiner Familie wurde immer schlechter, bis zu dem Punkt an dem wir nichts mehr zu essen hatten. Mein Vater konnte im Teppichgeschäft in Pakistan keinen Fuss fassen. Er wandte sich an alte Kunden und versuchte deren Teppiche für eine kleine Kommission weiter zu verkaufen. Aber zum Leben reichte es leider nicht. Hin und wieder sahen wir meinen Vater für zwei oder drei Tage gar nicht – er kam nur nach Hause wenn er zumindest etwas Essen oder Geld mitbringen konnte. Wir haben damals regelrecht gehungert. Meinen Freunden in Deutschland sage ich immer, dass sie sich nicht vorstellen können und man keine Ahnung hat was Hunger bedeutet wenn man das nie selbst erfahren hat.

Unsere Unterkunft bestand damals aus einem Zimmer und einer Toilette. In der Toilette haben wir von duschen bis kochen und waschen alles gemacht. Zudem waren wir gezwungen regelmässig anderswo ein neues Zimmer zu finden. Die Vermieter haben immer wieder die Miete erhöht. Da wir uns das nicht leisten konnten, sind wir dann weiter gezogen in der Hoffnung etwas billigeres zu finden. In dieser Zeit habe auch ich angefangen zu arbeiten, um meinem Vater zu helfen fuer unsere Familie zu sorgen. Ich fing damals an Teppiche zu weben.

Die schönen Erinnerungen aus dieser Zeit haben entweder mit Fussball/Cricket, dem ‘Army Stadium’ (Vergnuegungspark) in Peshawar, den Essensausgaben von UNO Organisationen und Familienfeiern zu tun:

UNICEF/WFP: Unser Verwandten hatten damals selber nichts oder wenig und konnten uns auch nicht helfen. Die einzigen afghanischen Familien, welche damals etwas besser dran waren, sind jene die Verwandte im Ausland (Nordamerika, Europa oder Australien) hatten und von diesen Geld geschickt bekommen haben. Während dieser Jahre in Pakistan kamen zwei meiner Brüder auf die Welt. Zum Glück bekamen sie oefters Kekse von UNICEF und dem UN World Food Programme (WFP). Dies hat geholfen sie am Leben zu halten und sie mit Essen zu versorgen.

Familienfeiern: In meinem Land ist es Tradition, dass Erwachsene Kindern bei Familienfeiern Süssigkeiten schenken. Damals wie heute war ich ganz wild darauf, vor allem Schokolade. Familienfeiern waren die einzigen Gelegenheiten bei denen es genügend Essen und vor allem auch Süssigkeiten gab.

The Army Stadium in Peshawar is a small amusement park for families Picture: http://paktravel.net/peshawar/army-stadium-peshawar/

Army Stadium: The Army Stadium ist ein bekannter Vergnügungspark in Peshawar und als kleines Kind wollte ich immer hingehen und beneidete andere die das konnten. Ein Eintrittsticket kostete aber USD 2. Und so hatte ich nur zweimal das grosse Glück: Einmal durch einen Onkel aus Australien waehrend seinem Besuch, und ein anderes Mal durfte ich mit meinem Cousin an Eid, einem unserer religioesen Feiertage, hingehen.

Cricket und Fussball: Das Cricket spielen auf dem Hausdach von dem Haus in dem wir unser Zimmer hatten, bescherte mir öfters mal Probleme wenn der Ball wieder bei den Nachbarn landete. Spass hat es aber trotzdem gemacht; auch konnte ich es immer kaum erwarten nach dem Teppich weben, meist so um vier Uhr, im Park Fussball zu spielen

Die US erklaeren Krieg

An den Tag an dem die USA Krieg gegen Afghanistan und die Taliban erklärten erinnere ich mich wie gestern. Ich war gerade im Haus meiner Tante und schaute Scooby-Doo im Fernsehen an, als der ehemalige US Praesident Bush Bombadierungen ankündigte. Meine Tante war voellig aufgebracht und verrückt vor Sorge, da ihr Mann damals gerade in Kabul war.  Nachdem er ein paar Nächte und Tage im Keller verbracht hatte und die Situation es erlaubte das Haus zu verlassen, kam er schliesslich aber unversehrt in Pakistan an. Es dauerte nicht lange, bis sich die gesamte Familie meiner Mama als auch meines Papas auf der Flucht vor dem Krieg in Pakistan ankam.

Als es die Situation wieder zu gelassen hat, machte sich meine Familie zum zweiten Mal auf die Rückkehr nach Afghanistan. Mein Vater sah keinen anderen Ausweg. Da wir in Pakistan nichts zu verlieren hatten, konnte die Situation nur besser werden.

Die zweite Rückkehr nach Kabul
An unsere zweite Rückkehr nach Afghanistan kann ich mich noch gut erinnern. Zusammen mit vier oder fünf anderen afghanischen Familien zwangen wir uns in einen kleine Laster und machten uns auf dem Weg zum offiziellen Grenzübergang. Der Laster kam nur sehr langsam voran, da er mit so vielen Menschen und ihren Habseligkeiten völlig ueberladen war. Unweit von der Grenze stoppten wir an einem grossen Platz wo wir unsere Namen registrierten bevor wir die Grenze überquerten. Im Gegenzug bekamen wir Essen, z.B. Oel und Mehl, von UNO Organisationen wie dem World Food Programme. Auch bei der Ankunft in Kabul bekamen wir nochmal Kleidung und Essen von diesen Organisationen. Auch bekamen wir Besuch von Organisationen die vermutlich der Regierung angehörten. Als mein Papa damals meinte das wir kein Haus mehr haben, hat man uns ein Stück Land versprochen – ein Versprechen, das nie umgesetzt wurde. Damals wie heute bekam mein Land Unsummen an Entwicklunsghilfegeldern, gewöhnliche Afghanen sehen davon leider nur kaum etwas Eliten bereichern sich lieber selbst und die Gier unter denen die für die Verteilung zustäündig sind verhindern gerechte Verteilung meiner Meinung nach. Die britische Zeitung ‚The Guardian‘, basierend auf den Einsichten von jemandem der lange in meinem Land gelebt hat, schreibt hierzu: „Und woher kam das ganze Geld? Aus den Taschen der Steuerzahler in der EU, Grossbritanien, USA, Kanada und Australien. Ich habe Afghanistan seither verlassen, wurde aber an mein vergangenes Leben erinnert als europäische Politiker sich kürzlich in Bruessel getroffen haben um Afghanistan 3 Milliarden Entwicklungshilfe zu versprechen. Grossbritanien alleine sicherte 750 Millionen britische Pfund in den kommenden Jahren zu. Als ehemaliger Regierungsrepräsentant und ehemaliger Mitarbeiter der UNO, habe ich grosse Bedenken wie das Geld ausgegeben wird. Welche Sicherheiten gibt es, dass das Geld den Afghanen zu Gute kommt? Werden die Bauern in abgelegenen Doerfern etwas davon haben, nachdem sie sich erste einmal durch mehrere Schichten einer korrupten Regierung kämpfen müssen? Ich fürchte Europa hat der afghanischen Regierng eine Blanko-Scheck gegeben.“