Die erste Begegnung mit Qais: Ein Weihnachtsmarkt und wie alles begann

Mit Hvras und Qais auf dem Traunsteiner Christkindlmarkt

Rosi Kern

Ich bin Rosi Kern und kenne Qais nun seit einem guten Jahr. Jedes Jahr nehmen wir für unseren Verein Unlimited Partnership, der Mikro-Finanz Projekte und Bildungsprojekte in Sierra Leone und Uganda unterstützt, an einem lokalen Weihnachtsmarkt teil. Der Erlös fließt dabei in unsere Projekte in Afrika. Aufgrund der hohen Anzahl an Flüchtlingen und der Diskussion über Integration in der Öffentlichkeit, beschlossen wir Flüchtling zur Teilnahme an unserem Weihnachtsmarkt im Dezember 2015 einzuladen. Die ursprüngliche Idee dahinter war dabei ihnen die Möglichkeit zu bieten aus dem Flüchtlingsheim rauszukommen und etwas Zeit mit Deutschen zu verbringen.

Aus diesem Grund machte ich mich ein paar Tage vor dem Markt mit meinem Papa zum Flüchtlingsheim in der Gemeinde meiner Eltern auf um den Flüchtlingen unseren Verein und dessen Arbeit vorzustellen. Am Ende beschlossen zwei von etwas 50 Flüchtlingen uns zum Weihnachtsmarkt zu begleiten – Hvras aus dem Nordirak und Qais aus Afghanistan. Damals hatten wir noch keine Ahnung, dass Qais Entscheidung uns beim Weihnachtsmarktverkauf zu helfen unser Leben genauso verändern würde wie wir vermutlich seins. Qais war damals bereits seit etwa vier Monaten in Deutschland, war jedoch weder bei der Aktenanlage, noch hatte er das Recht an einem offiziellen Deutschkurs teilzunehmen und wollte eigentlich nichts lieber als endlich anfan

Flüchtlinge
Unser Weihnachtsmarkt-Team im Dezember 2015; außen links im Bild Qais und neben meinem Papa steht Hvras

gen zu arbeiten. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern an dem ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Als mein Papa und ich Hvras abholten, stand er bereits pünktlich (wie immer) draußen und wartete auf uns: Groß, stolz und fast ein wenig anmutig wenngleich vom dem was er im Leben bis dahin bereits durchgemacht hatte definitiv gekennzeichnet. In den ersten Tagen war er relativ schüchtern und sprach eigentlich nur wenn jemand auf ihn zuging. Und dennoch fiel uns bereits in den ersten Tagen auf, dass er sein Umfeld und die Leute um ihn herum ganz genau beobachtete.

Hvras besuchte zur Zeit des Weihnachtsmarktes bereits seit einigen Monaten einen Deutschkurs und konnte daher relative gut lesen und schreiben, während im das Sprechen deutlich schwer viel. Qais hingegen, weil er aus Afghanistan kommt, hatte kein Recht oder Zugang zu einem Deutschkurs, dafür aber das Glück von einer pensionierten Grundschullehrerin zweimal die Woche für je zwei Stunden unterrichtet zu werden. Da Qais bei seiner Ankunft in Deutschland in unserer Handschrift/Sprache weder lesen noch schreiben konnte, handelt es sich dabei vor allem um einen Buchstabierungskurs. Bald wurde uns auch klar das Qais bis auf zwei Monate in Pakistan, wo er mit seinen Eltern als Flüchtling einige Jahre lebte, nie zur Schule ging. Irgendwann während dem Weihnachtsmarkt fiel mir auf, dass er in seiner eigenen Sprache sowohl lesen als auch schreiben konnte. “Wo hast du das gelernt wenn du nie die Schule besucht hast,” fragte ich ihn erstaunt. “Ich habe am Abend und nachts nach der Arbeit einfach das nachgemacht was meine Geschwister bei ihren Hausaufgaben gemacht haben und mit ihnen gelernt. Die gehen alle zur Schule”, meinte er.

Obwohl er bis auf ein paar Worte kein Deutsch sprach konnten wir uns aufgrund seiner relativ guten Englischkenntnisse gut unterhalten. Wir wunderten uns wo er wohl Englisch gelernt hatte: „Wie kommt es, dass du Englisch sprichst?“ „Ich hatte ihn Kabul einen kleinen Kosmetikladen und zeitweise relative häufig internationale Kunden, vor allem Amerikaner. Mit der Zeit lernt man dann Englisch. Ich habe einfach immer wieder mal gefragt ,Wie heißt das auf E

Integration Weihnachtsmarkt
Unsere Verkaufshütte auf dem Traunsteiner Weihnachtsmarkt im Dezember 2015

nglish’“, erklärte er. Wir waren alle beeindruckt und lernten bald darauf dass er auch Dari, Farsi, Urdu, Paschtu und Hindi gut verstehen und fließend sprechen konnte. Hindi weil er unglaublich gerne Bollywood Kinofilme ansieht, Urdu aufgrund seiner frühen Kindheitsjahre in Pakistan und Paschtu durch Freunde.

Minimaler Deutschunterricht zwischendrin

Während dem Weihnachtsmarkt und vor allem zu Zeiten in denen gerade weniger los war, versuchten wir Hvras und Qais ein paar Deutsche Worte und einfache Sätze bzw. Unterhaltungen mit Kunden beizubringen. Qais schien das wie ein Schwamm aufzusaugen und es war offensichtlich dass ihm das Lernen einer neuen Sprache auf interaktive Weise leichter fiel als anderen. Obwohl er damals kaum sprechen konnte, fiel auf dass er bereits einiges aus dem Kontext oder Situationen heraus verstand. Als Christls Mann während dem Weihnachtsmarkt irgendwann vorbeischaute, bat sie ihn ein paar Fotos von uns für den Vereins-Newsletter zu machen. „Max mach doch mal ein paar Bilder von uns auf dem Weihnachtsmarkt“, bat sie ihn. „Klar, reich mir doch bitte vorher die Kamera,“ meinte er ohne auf die Kamera zu zeigen. Qais drehte sich unmittelbar nach der Kamera um und reichte sie max. „Danke. Ich glaube du kannst doch besser Deutsch als zu zugibst,“ sagte ich lachend zu ihm auf Englisch. „Nein, das kannst du doch nicht machen. Qais muss Deutsch lernen. Warum sprichst du auf Englisch mit ihm. So lernt er doch nie Deutsch,“ meinte Max bestimmend. Leichter gesagt als getan, dachte ich mir, wenn jemand noch kaum eine Grundlage auf Deutsch hat. Im Nachhinein muss ich natürlich zugeben, dass Max absolut Recht hatte. Qais half auch Hvras öfter in der Kommunikation mit uns aus, da er sich doch etwas schwerer mit der Verständigung tat. Kurdisch ist Dari und Farsi wohl etwas ähnlich und so gelang es Qais teilweise Hvras besser zu verstehen und dann für uns zu übersetzen. Als wir die beiden an einem dieser Tage zuhause absetzten meinte Qais lachend: „Ich lerne noch Kurdisch durch Hvras sollte sich der Weihnachtsmarkt noch etwas länger dauern.“ In diesen Tagen war sich Qais absolut sicher, dass es er mindestens drei Jahre brauchen würde um gut Deutsch zu sprechen. „ Das brauchte lange und ist nicht einfach. Mir fehlen auch die Möglichkeiten die Sprache anzuwenden“, wiederholte er einige Male. „Du lebst jetzt in Deutschland und du wirst schneller lernen als du denkst, denn viele Menschen hier sprechen kein oder nur wenig Englisch,“ versicherte ihm mein Papa. Die Zweifel über das was mein Papa ihm entgegnete, waren ihm zu diesem Zeitpunkt ins Gesicht geschrieben.

Da wir als Verein gemeinnützig tätig sind und somit alle unentgeltlich arbeiten sowie es gesetzlich nicht erlaubt gewesen wäre die beiden für die drei Tage zu entlohnen, versuchten wir uns erkenntlich zu zeigen indem wir sie zum Mittagessen und Abendessen eingeladen haben. „Die beiden sind dabei so bescheiden dass es mir schon fast unangenehm ist,“ meinte mein Papa an einem dieser Tage. „Vielleicht können wir an einem Wochenendtag nach dem Christkindlmarkt einfach einen Tagesausflug mit den beiden machen und ihnen so was von der Region zeigen,“ schlug ich vor. Auch erklärten wir ihnen bei einer der Heimfahrten warum wir ihnen leider für ihre Arbeit nichts zahlen können. „Denk gar nicht daran,“, antwortete Qais. „Wenn dich in meinem Land jemand um Hilfe bittet und du dann im Gegenzug Geld oder eine andere Entlohnung dafür annimmst ist das eine große Schande. Wir helfen gerne, das ist das wenigste das wir tun können,“ fügte er hinzu. „Es macht uns Spaß mit euch auf dem Weihnachtsmarkt zu sein. Alles ist besser als in Brünning zu sitzen und nichts zu machen,“ meinte auch Hvras.

Der ganz normale Behördenwahnsinn oder Integration leicht gemacht?!

Christl und ich waren am ersten Tag des Weihnachtsmarkts bereits vor Ort und mit dem Aufbau beschäftigt als mein Papa mit den beiden ankam. “Qais hat eine Patin bei der war er heute beim Mittagessen. Die ist auch Journalistin glaube ich und macht sich Sorgen ob das Arbeiten auf dem Weihnachtsmarkt ihn am Ende in Schwierigkeiten bringen könnte, “erzählte er mir kurz nachdem sie in Traunstein angekommen waren und gab mir die Telefonnummer der Patin. Am Tag darauf telefonierte ich mit Qais Patin und versicherte ihr das es sich nicht um bezahlte Arbeit sondern Freiwilligenarbeit handelte. “Das muss man trotzdem anmelden soweit ich weiß. Da bewegt man sich auf dünnem Eis und am Ende droht schlimmstenfalls die Abschiebung, “erklärte sie mir und gab mir die Nummer einer Frau aus dem Helferkreis die sich anscheinend mit derlei Dokumenten am besten auskannte. Von dieser lernte ich dann dass nur eine Person im Helferkreis dieses Dokument hat, und riet mir bei den Behörden nach dem Formular zu fragen. “Was soll das den für ein Formular sein?,” fragte mich der Herr vom Sozialamt. “Wir sind für Unterbringung zuständig. Wenn es um Arbeit geht ist das Jobcenter oder Arbeitsamt zuständig. Aber wenn es sich nur um Freiwilligenarbeit handelt, dann glaube ich nicht das es da was anzumelden gibt.” “Sind die beiden den schon beim Jobcenter gemeldet oder haben eine Festanstellung und wie heißen die beiden den?”, fragte man mich beim Arbeitsamt. “Nein”, meinte ich, “der eine macht gerade einen Integrationskurs und der andere war noch nicht mal bei der Aktenanlage in München bisher,” erklärte ich ihm. “Und was wollen sie dann bei uns? Wir sind nur für die Jobvermittlung zuständig. Ich rate ihnen bei der Ausländerbehörde oder im Sozialamt nachzufragen,” riet er am Ende. “Ja die vom Sozialamt haben mich ja zu ihnen geschickt,” meinte ich etwas amüsiert. Ich probierte es nochmal bei der Ausländerbehörde. “Ja nein das tut mir jetzt wirklich leid aber die Zuständigen für ihre Flüchtlinge sind gerade in Traunreut und da wahrscheinlich den ganzen Tag aufgrund der Ankunft neuer Flüchtlinge,” erklärte mir die Dame zu der ich beim Empfang durchgestellt wurde. “Na da muss es doch dann eine Ersatzperson geben die mir eine so simple Frage beantworten kann. Sie zum Beispiel,” entgegnete ich. “Hmm ja, aber wissen Sie ich bin hier noch relative neu und was falsches möchte ich Ihnen nun auch nicht sagen. Aber die beim Sozialamt die wissen das doch sicher.” erhielt ich zur Antwort. Also probierte ich nochmal mein Glück beim Sozialamt. Am Ende erhielt ich dann die Nummer der Diakonie mit dem Verweis die hätten Erfahrung mit solchen Fällen. Das Gespräch mit der Diakonie war mein letztes an diesem Tag zu diesem Thema. “Wir haben kein solches Formular da bin ich mir Recht sicher. Dass sie jetzt nirgendwo eine Antwort auf Ihre Frage bekommen haben wundert mich auch nicht. Aber wissen Sie ich habe einmal von einem ähnlich gelagertem Fall gehört. Und da meinte wohl ein Anwalt das wäre ähnlich dem Prinzip der guten Nachbarschaftshilfe. Hoffen Sie einfach das nichts passiert und wenn doch, dann sagen Sie die beiden haben einfach kurz ausgeholfen.” Nach circa eineinhalb bis zwei Stunden telefonieren mit verschiedenen Behörden war ich dann am Ende genauso schlau wie vorher. Ich es mit Humor genommen, mich aber gleichzeitig gefragt, wenn die einfachen Dinge wie Freiwilligenarbeit schon so unglaublich kompliziert scheinen, wie mühselig muss es dann für alle Helfer sein kompliziertere Angelegenheiten wie zum Beispiel die Vermittlung von Festanstellung oder Krankenhausbesuche zu regeln?

 

 

 

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