Qais – vom Zirkus zum Deutschunterricht

Gudrun Wiegand

Mein Name ist Gudrun Wiegand und seit Anfang 2015, als die ersten Geflüchteten im ehemaligen Gasthaus in Brünning ankamen, boten Kollegen und ich, als pensionierte Grundschullehrerin, zweimal die Woche, je etwa eineinhalb Stunden, Deutsch-Unterricht an.

Im Herbst 2016 war der Andrang von Neuankömmlingen besonders groß. Viele mussten sich erst in der neuen Umgebung zurechtfinden. Angebote, ihnen dies zu erleichtern, gab es immer wieder. So wurden uns Anfang Oktober Freikarten für eine Zirkusvorstellung in Traunstein angeboten. Ich nahm drei junge Afghanen im Auto mit – und so lernte ich Quais kennen.

Er setzte sich auf den Beifahrersitz, schaute sich interessiert die Gegend an und erzählte, auf Englisch. Er sei so froh, dass er jetzt in Sicherheit sei. Als ich ihn fragte, ob er in der Schule Englisch gelernt habe, verneinte er. „Nein, ich war nur ganz kurz in der Schule. Mein Vater hat zuletzt ein Geschäft in Kabul gehabt. Wir haben Hygieneartikel, Kosmetik, Waschmittel verkauft. Da kamen Amerikaner, Pakistani und viele, die andere Sprachen gesprochen haben. Da habe ich Englisch, Dari,Farsi…gelernt. Oft war ich allein im Geschäft, schon als Kind. Da musste ich sprechen. Und so werde ich auch Deutsch lernen. Ich trau mir das zu und ich will hier auch arbeiten und dann eine Wohnung finden…“ Und er sprudelte und war voller Euphorie und Energie. „Wenn wir jetzt hier in Frieden leben können, dann wollen wir auch etwas zurückgeben, Danke sagen mit unserem Einsatz. Wir wollen uns doch einbringen in diese Gesellschaft!“ Ich war beeindruckt. So dezidiert hatte das noch kaum einer meiner Schüler gesagt. Die meisten waren unendlich dankbar, dass sie nach Jahren Krieg, grausamen Erfahrungen, Flucht und großer Ferne von ihrer Familie ein friedliches Umfeld und Hilfe bekommen hatten. Sie wollten sich integrieren, Deutsch lernen, arbeiten. Aber die meisten brauchten erst eine gewisse Zeit, um hier anzukommen, um das Erlebte zu verkraften und Energie für Neues aufzubauen.

Quais wollte sofort anfangen. Aber so einfach war es nicht. Zuerst musste er eben doch Deutsch lernen. Und er lernte schnell. Er erfasste schnell Klang und Rhythmus der Sprache, verstand in kürzester Zeit und traute sich, zu sprechen. Nicht so einfach war es für ihn, lesen und schreiben zu lernen – er hatte ja nur kurz eine Schule besucht. Da kam ihm der große Glücksfall entgegen, die Familie Kern beim Weihnachtsmarkt in Traunstein näher kennenzulernen. Sie nahm ihn unter ihre Fittiche. Aber es ist eben typisch für ihn, dass er sich freiwillig für diese Aufgabe am Stand gemeldet hatte. Er war bereit, sich zu engagieren. Seither betreut die Familie ihn wie ein Patenkind, half Quais beim Deutschlernen, öffnete ihm den Weg zum THW und unterstützte ihn bei der Arbeitssuche.

So kam es, dass ich ihn nur kurz im Unterricht hatte. Aber ich sehe und erlebe ihn immer wieder als hilfsbereiten, interessierten und verantwortungsbewussten jungen Mann, der uns vom Helferkreis unterstützt, regelmäßig übersetzt, ob vor großem Forum beim Cafe International oder wenn ein anderer Geflüchteter Hilfe braucht, sich nicht ausdrücken kann oder nicht versteht – Quais ist zur Stelle. Er übersetzt und berät. Seine Vielsprachigkeit ist ihm dabei von großem Nutzen. Inzwischen versteht er auch Kurdisch und Arabisch, nicht gut, aber es reicht, um sich mit anderen Geflüchteten aus anderen Nationen zu verständigen. Vor allem vermittelt er auch immer sein Credo: Wir sollten dankbar sein und uns in dieses Land einbringen.

Wir selbst sollten auch dankbar sein für solche Menschen. Sie bereichern uns menschlich und wohl auch vom wirtschaftlichen Standpunkt. Und wenn sie vielleicht eines Tages in ihr hoffentlich einmal befriedetes Land zurückkehren wollen, so werden sie in ihrer Zeit hier in Deutschland so viel gelernt haben, dass sie auch ihrem Land helfen können. Entwicklungs- und Aufbauhilfe konkret für ein geschundenes Land!

Ich wünsche Quais, dass er hier weiterhin die Anerkennung (auch amtlich!), die Freunde bekommt, die er sich erhofft. Auch wünsche ich ihm von Herzen, dass die dunklen Schatten, die manchmal über sein Gesicht ziehen, wenn ihn seine private Geschichte einholt, dass diese Traurigkeit sich aufhellt und er immer öfter so lachen und strahlen kann.

 

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