Das Kennenlernen von Qais motivierte mich zum Engagement mit Flüchtlingen

Christl Gromotka

Ich bin Christl Gromotka, die Projektmanagerin für Unlimited Partnerships Projekte in Uganda. Qais habe ich als neues Vereinsmitglied im Dezember 2015 kennengelernt. Als mich die Nachricht von Rosi erreichte, dass uns beim Verkauf am Christkindlmarkt 2015 Flüchtlinge helfen wollen, war ich im ersten Moment etwas irritiert. Wie soll das denn gehen, als erstes dachte ich an die Sprachprobleme, die jungen Burschen waren noch nicht lange in Deutschland. Wie sollten wir uns verständigen, etwa in Englisch auf einem bayerischen, von Brauchtum geprägten Markt? Doch als Rosi mit Qais und Havras in der Hütte ankam, war das Eis schnell gebrochen. Qais erzählte mit ein paar deutschen Wörtern und auf Englisch, dass er bereits seinem Vater in einem Shop beim Verkauf geholfen hat und quasi beste Verkaufserfahrungen hat. Das entlockte mir ein Lächeln, weil er wirklich keine Scheu zeigte, Kaufinteressierte zu bedienen. Havras konzentrierte sich auf das Verpacken, da muss man nicht so viel sprechen, denn das fiel ihm doch ziemlich schwer. Von Havras sah ich dann erstmals auch Fotos von der Flucht. In einem kleinen Rucksack hatte er seine Habseligkeiten verstaut und stapfte zu Fuss durch Niemandsland, ich glaube es war Bulgarien. Havras besuchte ab Mittag einen Deutschkurs in Traunstein und so kam er jeden Tag vor Öffnung des Marktes zu mir an die Hütte und half mir die schweren Fensterläden hochzustemmen. Nach Kursende war er wieder pünktlich da und half beim Verkauf. Rosi brachte am Nachmittag Qais mit und irgendwie kam immer ein Gespräch in Gang. So erzählte Qais, dass ihm Weihnachten nicht unbekannt sei, weil im Shop in Afganistan viele Amerikaner eingekauft haben und dass es auch beleuchtete Weihnachtsbäume für die Amis gab. Als er dann auch noch erwähnte, dass er keine Schule besucht habe und damit auch keinerlei Zeugnisse vorlegen kann,  tat er mir schon richtig leid. Wie will er denn das hier in Deutschland schaffen, wo jeder für alles qualifiziert sein muss, dachte ich in dem Moment. Was war das für eine Überraschung, als wir im Oktober 2016 erfahren haben, dass er bei Bosch-Siemens als Monteur arbeitet. Bei unserem Treffen im November 2016 mit Rosi in einem Café in Traunstein um Vereinsarbeit von Unlimited Partnership zu besprechen, überzeugte Qais mit seinen schnell erworbenen Deutschkenntnissen – einfach genial.

Mister Max oder Papa Max mit unseren Syrern beim bayerischen Abendessen

Seit im Januar 2016 in unserem Dorf eine große Gruppe junger Männer, alle zwischen 20 und 25 Jahren, aus Syrien einquartiert wurde, ist klar, dass Berührungsängste mit Flüchtlingen nur durch persönliche Kontakte abgebaut werden können. Unser Helferkreis kümmert sich um den reibungslosen Ablauf der Termine bei den Ämtern, aber ganz wichtig sind die privaten Kontakte. Alle haben ihre Familien zurückgelassen, haben Probleme mit der Verständigung, sind auf sich alleine gestellt und sollen sich in einer völlig anderen Kultur zurechtfinden. Da sich in den Helferkreisen überwiegend Frauen engagieren, genießen Jewan, Osama und Kheder vor allem die Zuwendung von meinem Mann Max. „Mister Max“ oder manchmal auch Papa Max kümmert sich um das kaputte Fahrrad, begleitet sie zu extra Terminen beim Jobcenter oder fungiert als Dolmetscher beim Landratsamt, sucht gebrauchte Möbel und sonstige praktischen Dinge, aber vor allem, Max spricht nur Deutsch mit ihnen, egal ob sie alles verstehen. Mein Mann sagt immer, der Klang der Sprache muss ins Ohr und wer arabisch sprechen kann, kann auch ganz leicht andere Sprachen lernen. Im Gegenzug helfen die drei bei verschiedenen Arbeiten in Haus und Garten. Vor allem genießen sie anschließend das gemeinsame, bayerische Essen und das geht auch ohne Schweinefleisch. So kommt man miteinander ins Gespräch, erzählt von Familienfeiern und von unseren großen christlichen Festtagen. Als im Sommer das Ramadanende in Sicht war, beschlossen wir, dieses islamische Fest mit einer Grillparty bei uns im Garten zu begehen. Dass unsere drei syrischen Jungs gleich anfragten, ob sie noch einen Freund mitbringen können, zeigte uns, dass wir zu einer Ersatzfamilie geworden sind. Der Kreis schließt sich, heuer haben Osama und Jewan beim Christkindlmarkt geholfen. Osama hat sich seinen bayerischen Janker angezogen, den er beim Gebrauchtkleidermarkt erstanden hat, denn er wollte unbedingt ein bisschen bayerisch aussehen, dafür hat er erbärmlich gefroren, aber durchgehalten. Keiner will mehr in die Ungewissheit dieser kriegsgeschüttelten Länder zurück, sondern hier in Deutschland eine Zukunft aufbauen, für die es sich lohnt hart zu lernen und zu arbeiten.

Ich werde Deutschland zeigen was ich kann

 Qais Yaqubi ist bestens integriert

 

Qais Yaqubi stammt aus Kabul in Afghanistan und lebt seit einem Jahr in der Asylbewerberunterkunft in Brünning. Seit Anfang September hat er einen Arbeitsplatz bei BSH in Traunpic3reut. In seiner Freizeit engagiert sich der junge Mann ehrenamtlich beim THW und im Verein »Unlimited Partnership«. Er betont: »Ich will Deutschland zeigen, dass ich was kann. So viel Hilfe bekomme ich hier, da möchte ich auch was zurückgeben.«

Anfang 2015 machte sich Qais Yaqubi auf den Weg, seine Flucht dauerte dann insgesamt fünf Monate. Aus seiner Heimat fliehen musste er aufgrund eines Falls von Blutrache. Sein Cousin wurde aus diesem Grund bereits getötet und auch sein Leben war bedroht, die Familie war in großer Sorge. Über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien machte er sich zu Fuß, mit dem Bus oder dem Boot auf den Weg nach Deutschland.

Der 20-Jährige lenkte das Boot über das Mittelmeer

Bei der Überfahrt auf dem Mittelmeer von Izmir nach Samos lenkte der 20-Jährige selber das neun Meter lange Boot, auf dem 73 Personen zusammengepfercht waren. Dadurch erhielt Qais einen Rabatt auf den Fahrpreis. Im August 2015 kam er in Deutschland an, seit September wohnt er in Brünning. Noch ist er dort in der Flüchtlingsunterkunft, sucht aber ein eigenes Appartement oder eine kleine Wohnung im Raum Traunreut.

Dass Qais die Arbeit bei BSH bekam, ist nicht zuletzt seinem großen Lerneifer und Engagement zu verdanken. Er hat in Afghanistan keine Schule besucht, brachte sich einige Spra
chen, darunter Englisch, und das Schreiben selber bei. Nach sechs Monaten im »IdA Bayern Turbo Programm«, einem Berufsförderprogramm für Asylbewerber mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit, und mehreren Praktika in Betrieben in der Region, war er so fit, dass er bei BSH die Stelle als Monteur bekam. Damit hat sich ein erster Traum des jungen Mannes erfüllt. »Bei BSH kann man Zukunft bauen. Das ist eine in der ganzen Welt bekannte Firma und ich will zum Erfolg des Unternehmens beitragen«, freut sich Qais Yaqubi. Ihm gefällt die Arbeit im Team, er lernt viel von den Kollegen, sieht in dem Job eine große Chance für seine Zukunft und ist der Meinung, dass auch die Firma von einem Mitarbeiter aus einem anderen Kulturkreis profitieren kann.

BSH-Personalleiter Otto Rockel meint dazu: »Unser Ziel ist es, als Unternehmen insbesondere im lokalen Umfeld unseres Standortes in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden und Hilfsorganisationen gezielt sinnvoll Hilfe zu leisten. Hierbei prüfen wir auch, wie am Beispiel von Qais Yaqubi, wie wir Flüchtlinge bei uns im Unternehmen beschäftigen können. Integration ist für uns dabei eine Selbstverständlichkeit. Unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung und Religion kann sich jeder bei uns im Unternehmen bewerben, der Motivation, Fachkenntnisse, Grundkenntnisse der deutschen Sprache und Akzeptanz für unsere Kultur des Miteinanders mitbringt.«

Neben der Arbeit engagiert sich Qais Yaqubi, dessen Verfahren zur Anerkennung noch läuft, ehrenamtlich. Als vergangenes Jahr Franz Kern vom Verein »Unlimited Partnership« in der Flüchtlingsunterkunft in Brünning nach Helfern für den Weihnachtsmarkt zugunsten armer Menschen in Uganda und Sierra Leone suchte, erklärte sich Qais sofort bereit, mitzuhelfen: »Wenn mich ein deutscher Mann bittet, dann helfe ich ihm natürlich.«

Seit Januar ist er auch eifriges Mitglied beim THW-Ortsverband Traunreut. Seine Motivation dafür macht er deutlich: »Ich will neue Freunde finden, neue Fähigkeiten erlernen, bei Einsätzen mitmachen.« Für Wolfgang Marold, Ortsbeauftragter des THW, ist es wichtig, dass die Flüchtlinge vernünftig beschäftigt werden: »Wir wollen unseren Beitrag zur Integration leisten.« Dafür, dass die Asylbewerber ehrenamtliches Engagement normalerweise überhaupt nicht kennen, habe sich Qais überraschend schnell und mit großem Einsatz in die Gruppe eingefügt.

»Wer Ärger macht, soll abgeschoben werden«

Qais ist überhaupt sehr hilfsbereit, fungiert auch immer wieder als Übersetzer für seine Landsleute. Er ist unglaublich dankbar, in Deutschland sein zu dürfen und hier so viel Hilfe zu beko
mmen. Da möchte er auch etwas zurückgeben. »Hier fühl‘ ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder sicher«, erklärt er. Über Asylbewerber, die diese Dankbarkeit nicht zeigen und Probleme machen, hat der Afghane eine ganz klare Meinung: »Wer Ärger macht, soll abgeschoben werden. Er schadet sonst nur denen, die ihre Chance hier nutzen wollen.« mix

Quelle: Traunsteiner Tagblatt vom 27.10.2016