Qais – vom Zirkus zum Deutschunterricht

Gudrun Wiegand

Mein Name ist Gudrun Wiegand und seit Anfang 2015, als die ersten Geflüchteten im ehemaligen Gasthaus in Brünning ankamen, boten Kollegen und ich, als pensionierte Grundschullehrerin, zweimal die Woche, je etwa eineinhalb Stunden, Deutsch-Unterricht an.

Im Herbst 2016 war der Andrang von Neuankömmlingen besonders groß. Viele mussten sich erst in der neuen Umgebung zurechtfinden. Angebote, ihnen dies zu erleichtern, gab es immer wieder. So wurden uns Anfang Oktober Freikarten für eine Zirkusvorstellung in Traunstein angeboten. Ich nahm drei junge Afghanen im Auto mit – und so lernte ich Quais kennen.

Er setzte sich auf den Beifahrersitz, schaute sich interessiert die Gegend an und erzählte, auf Englisch. Er sei so froh, dass er jetzt in Sicherheit sei. Als ich ihn fragte, ob er in der Schule Englisch gelernt habe, verneinte er. „Nein, ich war nur ganz kurz in der Schule. Mein Vater hat zuletzt ein Geschäft in Kabul gehabt. Wir haben Hygieneartikel, Kosmetik, Waschmittel verkauft. Da kamen Amerikaner, Pakistani und viele, die andere Sprachen gesprochen haben. Da habe ich Englisch, Dari,Farsi…gelernt. Oft war ich allein im Geschäft, schon als Kind. Da musste ich sprechen. Und so werde ich auch Deutsch lernen. Ich trau mir das zu und ich will hier auch arbeiten und dann eine Wohnung finden…“ Und er sprudelte und war voller Euphorie und Energie. „Wenn wir jetzt hier in Frieden leben können, dann wollen wir auch etwas zurückgeben, Danke sagen mit unserem Einsatz. Wir wollen uns doch einbringen in diese Gesellschaft!“ Ich war beeindruckt. So dezidiert hatte das noch kaum einer meiner Schüler gesagt. Die meisten waren unendlich dankbar, dass sie nach Jahren Krieg, grausamen Erfahrungen, Flucht und großer Ferne von ihrer Familie ein friedliches Umfeld und Hilfe bekommen hatten. Sie wollten sich integrieren, Deutsch lernen, arbeiten. Aber die meisten brauchten erst eine gewisse Zeit, um hier anzukommen, um das Erlebte zu verkraften und Energie für Neues aufzubauen.

Quais wollte sofort anfangen. Aber so einfach war es nicht. Zuerst musste er eben doch Deutsch lernen. Und er lernte schnell. Er erfasste schnell Klang und Rhythmus der Sprache, verstand in kürzester Zeit und traute sich, zu sprechen. Nicht so einfach war es für ihn, lesen und schreiben zu lernen – er hatte ja nur kurz eine Schule besucht. Da kam ihm der große Glücksfall entgegen, die Familie Kern beim Weihnachtsmarkt in Traunstein näher kennenzulernen. Sie nahm ihn unter ihre Fittiche. Aber es ist eben typisch für ihn, dass er sich freiwillig für diese Aufgabe am Stand gemeldet hatte. Er war bereit, sich zu engagieren. Seither betreut die Familie ihn wie ein Patenkind, half Quais beim Deutschlernen, öffnete ihm den Weg zum THW und unterstützte ihn bei der Arbeitssuche.

So kam es, dass ich ihn nur kurz im Unterricht hatte. Aber ich sehe und erlebe ihn immer wieder als hilfsbereiten, interessierten und verantwortungsbewussten jungen Mann, der uns vom Helferkreis unterstützt, regelmäßig übersetzt, ob vor großem Forum beim Cafe International oder wenn ein anderer Geflüchteter Hilfe braucht, sich nicht ausdrücken kann oder nicht versteht – Quais ist zur Stelle. Er übersetzt und berät. Seine Vielsprachigkeit ist ihm dabei von großem Nutzen. Inzwischen versteht er auch Kurdisch und Arabisch, nicht gut, aber es reicht, um sich mit anderen Geflüchteten aus anderen Nationen zu verständigen. Vor allem vermittelt er auch immer sein Credo: Wir sollten dankbar sein und uns in dieses Land einbringen.

Wir selbst sollten auch dankbar sein für solche Menschen. Sie bereichern uns menschlich und wohl auch vom wirtschaftlichen Standpunkt. Und wenn sie vielleicht eines Tages in ihr hoffentlich einmal befriedetes Land zurückkehren wollen, so werden sie in ihrer Zeit hier in Deutschland so viel gelernt haben, dass sie auch ihrem Land helfen können. Entwicklungs- und Aufbauhilfe konkret für ein geschundenes Land!

Ich wünsche Quais, dass er hier weiterhin die Anerkennung (auch amtlich!), die Freunde bekommt, die er sich erhofft. Auch wünsche ich ihm von Herzen, dass die dunklen Schatten, die manchmal über sein Gesicht ziehen, wenn ihn seine private Geschichte einholt, dass diese Traurigkeit sich aufhellt und er immer öfter so lachen und strahlen kann.

 

8 Gründe warum wir Initiativen wie die von Qais Yaqubis Blog unterstützen müssen


Weil Qais gerade mal wieder beim THW ist, nutze ich die Gelegenheit auf die Frage einzugehen, was mich dazu bewegt hat seine Initiative so gut wie möglich zu unterstützen:

  1. Mehr Dialog, mehr Verständnis- bessere Integration: In der Entwicklungszusammenarbeit, und ich sehe da in der Flüchtlingshilfe keine Ausnahme, mangelt es zu oft an Kommunikation und Dialog zwischen denen den man helfen möchte und den Helfern; zu oft konzipieren wir tolle Ideen und Projekte ohne vorher diejenigen die davon profitieren sollen zu fragen was sie davon halten; in Qais Blog sehe ich die Möglichkeit anderen die Chance zu geben durch einen Flüchtling selbst zu lernen was bei der Integration hilft, was nicht und wie wir dabei am besten unterstützen können.
  1. Flüchtlinge
    Übersetzung: „Egal wie gebildet, talentiert, reich oder cool du denkst zu sein, am Ende zählt einzig und allein wie du andere Menschen behandelst.“

    Flüchtlinge nicht als Herausforderung sehen, sondern als Teil der Lösung: Die Betroffenen von Herausforderungen, in diesem Fall Flüchtlinge, sollten in die Entwicklung von Lösungen von Anfang an mit eingebunden werden; damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: 1. Wir nutzen das Potential der Flüchtlinge selbst (und viele bringen davon viel mit) und vermitteln ihnen dadurch auch mehr Selbstwertgefühl (ein Problem selbst lösen zu können fühlt sich immer besser an als ‘Almosenempfänger’ zu sein) 2. Wer von uns rollt mittlerweile nicht mit den Augen wenn sich z.B. mal wieder ein Flüchtling darüber beschwert dass er in einem Dorf leben muss und nicht in der Großstadt leben darf – dem mit der Frage “Wie würdest du das Problem lösen wenn es deine Entscheidung wäre und auf einmal so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen?” halte ich für wesentlich sinnvoller und zielführender als zum zehnten Mal zu erklären warum das nun einmal so ist; Wenn Menschen wie Qais über einen Blog ihre Ideen, Wissen und Konzepte teilen können wir diese in die Entwicklung von Lösungen für Herausforderungen einbinden, anstatt uns selbst ständig den Kopf zu zerbrechen.

 

  1. Flüchtlinge
    Übersetzung: „Nur weil du Recht hast, heißt das nicht das ich falsch liege. Du hattest nur noch nicht die Möglichkeit das Leben von meiner Seite zu sehen“

    Interkulturelle Kommunikation fördern: Viele Missverständnisse oder auch Unverständnis beruhen auf einem Mangel an Wissen über Kultur, Religion oder auch dem was andere durchgemacht haben; Webseiten und Blogs wie die von Qais bringen uns nicht nur die Kultur/Herkunft/Religion und ihre Fluchtgeschichten näher und lassen uns sie als Menschen besser verstehen, sondern helfen uns auch zu verstehen wie sie uns und unsere Gesellschaft wahrnehmen. So können wir auch identifizieren an welchen Stellen vielleicht noch mehr Erklärungsbedarf besteht;

 

 

 

 

 

  1. fb_img_1480132116764Geflohene nicht nur als die ‚Kategorie Flüchtling’ zu betrachten sondern wieder als Menschen zu sehen: Multikulteralismus in Deutschland ist meiner Ansicht nach nicht gescheitert, was tatsächlich in der Vergangenheit scheiterte ist der Dialog und die Kommunikation; jeder Flüchtling ist in erster Linie ein Mensch mit einer traumatischen Geschichte der bis zu seiner Ankunft meist alles verloren hat; dabei ist es wichtig das sie nicht ständig immer nur als Flüchtlinge wahrgenommen werden, sondern als Menschen konfrontiert mit einer großen Herausforderung die sie meistern möchten und dabei ab und zu etwas Hilfe benötigen; Facebook Gruppen wie  „Flüchtlinge sind Menschen wie du und ich – we are all humans“ fördern genau diesen wichtigen Ansatz; Qais indem er seinen Weg mit uns teilt hofft dabei das Geflohene vor allem wieder als das neue Familienmitglied, einer neuer Kumpel oder einfach nur guter Nachbar empfunden werden und nicht nur als Flüchtling
  1. Flüchtlinge
    Übersetzung: Es ist besser alleine zu laufen, anstatt mit der Masse in die falsche Richtung

    Einem Negativtrend Einhalt gebieten: Die ursprünglich extreme „Willkommenskultur“ wurde irgendwann in Teilen der Bevölkerung zur „Paranoia Kultur“; dabei gibt es unter jenen die Kanzlerin Merkel für ihre Flüchtlingspolitik kritisieren leider zu viele hoffnungslose Rassisten, aber auch welche denen Flüchtling Angst machen aufgrund von negativer Presse, Gewalttaten oder anderen Ängsten; viele davon haben schlichtweg Angst vor dem ‚Unbekannten’, in diesem Fall Menschen aus anderen Kultur,- und Religionskreisen; mit diesen Angst befangenen Stimmen sollten wir uns jedoch konstruktiv auseinandersetzen und den Dialog suchen um Ängste abzubauen, anstatt sie nur abzuschmettern; wir sollten dabei daran erinnern das gewalttätige Flüchtlinge eine Ausnahme darstellen, die Zahl rechtsradikaler Gewalttaten gegenüber Flüchtlingen um einiges höher ist (verdoppelte sich von 2014 auf 2015) und es unter dem Strich gesehen in jeder Kultur ‚schwarze Schafe’ gibt – in unserer nicht weniger als in anderen; Qais möchte mit seinem Blog die Möglichkeit zum Dialog eröffnen

  1. Flüchtlinge
    Übersetzung: „Das Problem mit engstirnigen Menschen ist, dass ihr Stimmen meist lauter sind als die anderer.“

    Eine Kampfansage an Rassismus, Fremdenhass und Unmenschlichkeit: Rassisten haben oftmals mehr Gehör in der Öffentlichkeit als die positiven Stimmen; indem wir Menschen wie Qais dabei unterstützen ihre Geschichte/Ideen zu teilen und die positiven Seiten der Zuwanderung darstellen, nehmen wir Rassisten automatisch den Wind aus den Segeln sowie die Möglichkeit mehr Unterstützer zu finden

 

 

 

 

 

 

  1. Flüchtlinge
    Übersetzung: „Jene die fähig sind über die Schatten und Lügen ihrer eigenen Kultur hinaus zu sehen, werden nie verstanden werden und noch viel weniger werden ihnen die Massen Glauben schenken.“ – Plato

    Politik beeinflussen: Wenn man die Flüchtlingspolitik und ihre Folgen aus den 80er/90er mit der von heute vergleicht, dann hat sich an manchen Stellen tatsächlich ein wenig zum besseren verändert und an anderen Stellen machen wir genau die gleichen Fehler wieder; nach wie vor gibt es eine Tendenz dazu das Flüchtlinge nicht unter uns leben sondern es sich darauf hinaus läuft, dass sie in bestimmte Stadtteilen angesiedelt sind; auch verschärfen wir genau wie damals wieder die Asylgesetze; an so mancher Stelle hört man dann z.B. das man lieber an die Türkei Geld zahlt um den Flüchtlingsstrom aufzuhalten, anstatt ihnen im eigenen Land zu helfen um zu verhindern das rechtsradikale Parteien nicht noch stärker werden; während das nachvollziehbar ist, ist es am Ende doch falsch: Zum laufen wir Gefahr so einigen Schutzsuchenden am Ende den nötigen Schutz zu verwehren und zum anderen geben wir den Parolen rechtsradikaler Parteien mit dieser Reaktion ja sogar noch Recht; eine gute politische Führung sollte sich in erster Linie um mehr Kommunikation und ehrlichen Dialog bemühen, welcher der Bevölkerung die Angst nimmt; nicht zuletzt wäre mehr Offenheit und Ehrlichkeit darüber, dass unsere Wirtschafts,- und Außenpolitik gegenüber Drittstaaten an der Misere anderer Länder nicht ganz unschuldig ist, sicher nicht verkehrt; ich bin mir sicher, dass intelligente Menschen wie Qais als auch so manch anderer Flüchtling am Ende für unser Land ein großer Zugewinn sein werden – Menschen von denen auch wir viel lernen können

  1. Trainiere den Trainer (train the trainer): Kaum jemand ist letztendlich besser qualifiziert bei der Integration neuer/anderer Flüchtling behilflich zu sein und dafür zu sorgen das Integration funktioniert, als Menschen wie Qais, die das bereits erfolgreich gemeistert haben; sie stellen eine wertvolle Schnittstelle zwischen unserer Kultur und jener der Neuankömmlinge dar; da sie aus dem gleichen Kulturkreis wie die Neuankömmlinge kommen und gleichzeitig die Grundsätze deutscher Kultur und Wertevorstellungen bereits weitestgehend verstanden/verinnerlicht haben, können sie diese Neuankömmlingen am glaubhaftesten vermitteln; aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir uns hinter Vorbilder wie Qais stellen, ihrer Stimme mehr Gewicht verleihen und sie stärker machen

In diesem Sinne wünsche ich Qais nicht nur Erfolg mit seiner Initiative, sondern hoffe dass er möglichst viel Feedback erhält und sich viele Menschen an seiner Initiative, sei es durch Kommentare/Fragen/Teilen/Artikel oder auch Ideen, beteiligen werden.

Die erste Begegnung mit Qais: Ein Weihnachtsmarkt und wie alles begann

Mit Hvras und Qais auf dem Traunsteiner Christkindlmarkt

Rosi Kern

Ich bin Rosi Kern und kenne Qais nun seit einem guten Jahr. Jedes Jahr nehmen wir für unseren Verein Unlimited Partnership, der Mikro-Finanz Projekte und Bildungsprojekte in Sierra Leone und Uganda unterstützt, an einem lokalen Weihnachtsmarkt teil. Der Erlös fließt dabei in unsere Projekte in Afrika. Aufgrund der hohen Anzahl an Flüchtlingen und der Diskussion über Integration in der Öffentlichkeit, beschlossen wir Flüchtling zur Teilnahme an unserem Weihnachtsmarkt im Dezember 2015 einzuladen. Die ursprüngliche Idee dahinter war dabei ihnen die Möglichkeit zu bieten aus dem Flüchtlingsheim rauszukommen und etwas Zeit mit Deutschen zu verbringen.

Aus diesem Grund machte ich mich ein paar Tage vor dem Markt mit meinem Papa zum Flüchtlingsheim in der Gemeinde meiner Eltern auf um den Flüchtlingen unseren Verein und dessen Arbeit vorzustellen. Am Ende beschlossen zwei von etwas 50 Flüchtlingen uns zum Weihnachtsmarkt zu begleiten – Hvras aus dem Nordirak und Qais aus Afghanistan. Damals hatten wir noch keine Ahnung, dass Qais Entscheidung uns beim Weihnachtsmarktverkauf zu helfen unser Leben genauso verändern würde wie wir vermutlich seins. Qais war damals bereits seit etwa vier Monaten in Deutschland, war jedoch weder bei der Aktenanlage, noch hatte er das Recht an einem offiziellen Deutschkurs teilzunehmen und wollte eigentlich nichts lieber als endlich anfan

Flüchtlinge
Unser Weihnachtsmarkt-Team im Dezember 2015; außen links im Bild Qais und neben meinem Papa steht Hvras

gen zu arbeiten. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern an dem ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Als mein Papa und ich Hvras abholten, stand er bereits pünktlich (wie immer) draußen und wartete auf uns: Groß, stolz und fast ein wenig anmutig wenngleich vom dem was er im Leben bis dahin bereits durchgemacht hatte definitiv gekennzeichnet. In den ersten Tagen war er relativ schüchtern und sprach eigentlich nur wenn jemand auf ihn zuging. Und dennoch fiel uns bereits in den ersten Tagen auf, dass er sein Umfeld und die Leute um ihn herum ganz genau beobachtete.

Hvras besuchte zur Zeit des Weihnachtsmarktes bereits seit einigen Monaten einen Deutschkurs und konnte daher relative gut lesen und schreiben, während im das Sprechen deutlich schwer viel. Qais hingegen, weil er aus Afghanistan kommt, hatte kein Recht oder Zugang zu einem Deutschkurs, dafür aber das Glück von einer pensionierten Grundschullehrerin zweimal die Woche für je zwei Stunden unterrichtet zu werden. Da Qais bei seiner Ankunft in Deutschland in unserer Handschrift/Sprache weder lesen noch schreiben konnte, handelt es sich dabei vor allem um einen Buchstabierungskurs. Bald wurde uns auch klar das Qais bis auf zwei Monate in Pakistan, wo er mit seinen Eltern als Flüchtling einige Jahre lebte, nie zur Schule ging. Irgendwann während dem Weihnachtsmarkt fiel mir auf, dass er in seiner eigenen Sprache sowohl lesen als auch schreiben konnte. “Wo hast du das gelernt wenn du nie die Schule besucht hast,” fragte ich ihn erstaunt. “Ich habe am Abend und nachts nach der Arbeit einfach das nachgemacht was meine Geschwister bei ihren Hausaufgaben gemacht haben und mit ihnen gelernt. Die gehen alle zur Schule”, meinte er.

Obwohl er bis auf ein paar Worte kein Deutsch sprach konnten wir uns aufgrund seiner relativ guten Englischkenntnisse gut unterhalten. Wir wunderten uns wo er wohl Englisch gelernt hatte: „Wie kommt es, dass du Englisch sprichst?“ „Ich hatte ihn Kabul einen kleinen Kosmetikladen und zeitweise relative häufig internationale Kunden, vor allem Amerikaner. Mit der Zeit lernt man dann Englisch. Ich habe einfach immer wieder mal gefragt ,Wie heißt das auf E

Integration Weihnachtsmarkt
Unsere Verkaufshütte auf dem Traunsteiner Weihnachtsmarkt im Dezember 2015

nglish’“, erklärte er. Wir waren alle beeindruckt und lernten bald darauf dass er auch Dari, Farsi, Urdu, Paschtu und Hindi gut verstehen und fließend sprechen konnte. Hindi weil er unglaublich gerne Bollywood Kinofilme ansieht, Urdu aufgrund seiner frühen Kindheitsjahre in Pakistan und Paschtu durch Freunde.

Minimaler Deutschunterricht zwischendrin

Während dem Weihnachtsmarkt und vor allem zu Zeiten in denen gerade weniger los war, versuchten wir Hvras und Qais ein paar Deutsche Worte und einfache Sätze bzw. Unterhaltungen mit Kunden beizubringen. Qais schien das wie ein Schwamm aufzusaugen und es war offensichtlich dass ihm das Lernen einer neuen Sprache auf interaktive Weise leichter fiel als anderen. Obwohl er damals kaum sprechen konnte, fiel auf dass er bereits einiges aus dem Kontext oder Situationen heraus verstand. Als Christls Mann während dem Weihnachtsmarkt irgendwann vorbeischaute, bat sie ihn ein paar Fotos von uns für den Vereins-Newsletter zu machen. „Max mach doch mal ein paar Bilder von uns auf dem Weihnachtsmarkt“, bat sie ihn. „Klar, reich mir doch bitte vorher die Kamera,“ meinte er ohne auf die Kamera zu zeigen. Qais drehte sich unmittelbar nach der Kamera um und reichte sie max. „Danke. Ich glaube du kannst doch besser Deutsch als zu zugibst,“ sagte ich lachend zu ihm auf Englisch. „Nein, das kannst du doch nicht machen. Qais muss Deutsch lernen. Warum sprichst du auf Englisch mit ihm. So lernt er doch nie Deutsch,“ meinte Max bestimmend. Leichter gesagt als getan, dachte ich mir, wenn jemand noch kaum eine Grundlage auf Deutsch hat. Im Nachhinein muss ich natürlich zugeben, dass Max absolut Recht hatte. Qais half auch Hvras öfter in der Kommunikation mit uns aus, da er sich doch etwas schwerer mit der Verständigung tat. Kurdisch ist Dari und Farsi wohl etwas ähnlich und so gelang es Qais teilweise Hvras besser zu verstehen und dann für uns zu übersetzen. Als wir die beiden an einem dieser Tage zuhause absetzten meinte Qais lachend: „Ich lerne noch Kurdisch durch Hvras sollte sich der Weihnachtsmarkt noch etwas länger dauern.“ In diesen Tagen war sich Qais absolut sicher, dass es er mindestens drei Jahre brauchen würde um gut Deutsch zu sprechen. „ Das brauchte lange und ist nicht einfach. Mir fehlen auch die Möglichkeiten die Sprache anzuwenden“, wiederholte er einige Male. „Du lebst jetzt in Deutschland und du wirst schneller lernen als du denkst, denn viele Menschen hier sprechen kein oder nur wenig Englisch,“ versicherte ihm mein Papa. Die Zweifel über das was mein Papa ihm entgegnete, waren ihm zu diesem Zeitpunkt ins Gesicht geschrieben.

Da wir als Verein gemeinnützig tätig sind und somit alle unentgeltlich arbeiten sowie es gesetzlich nicht erlaubt gewesen wäre die beiden für die drei Tage zu entlohnen, versuchten wir uns erkenntlich zu zeigen indem wir sie zum Mittagessen und Abendessen eingeladen haben. „Die beiden sind dabei so bescheiden dass es mir schon fast unangenehm ist,“ meinte mein Papa an einem dieser Tage. „Vielleicht können wir an einem Wochenendtag nach dem Christkindlmarkt einfach einen Tagesausflug mit den beiden machen und ihnen so was von der Region zeigen,“ schlug ich vor. Auch erklärten wir ihnen bei einer der Heimfahrten warum wir ihnen leider für ihre Arbeit nichts zahlen können. „Denk gar nicht daran,“, antwortete Qais. „Wenn dich in meinem Land jemand um Hilfe bittet und du dann im Gegenzug Geld oder eine andere Entlohnung dafür annimmst ist das eine große Schande. Wir helfen gerne, das ist das wenigste das wir tun können,“ fügte er hinzu. „Es macht uns Spaß mit euch auf dem Weihnachtsmarkt zu sein. Alles ist besser als in Brünning zu sitzen und nichts zu machen,“ meinte auch Hvras.

Der ganz normale Behördenwahnsinn oder Integration leicht gemacht?!

Christl und ich waren am ersten Tag des Weihnachtsmarkts bereits vor Ort und mit dem Aufbau beschäftigt als mein Papa mit den beiden ankam. “Qais hat eine Patin bei der war er heute beim Mittagessen. Die ist auch Journalistin glaube ich und macht sich Sorgen ob das Arbeiten auf dem Weihnachtsmarkt ihn am Ende in Schwierigkeiten bringen könnte, “erzählte er mir kurz nachdem sie in Traunstein angekommen waren und gab mir die Telefonnummer der Patin. Am Tag darauf telefonierte ich mit Qais Patin und versicherte ihr das es sich nicht um bezahlte Arbeit sondern Freiwilligenarbeit handelte. “Das muss man trotzdem anmelden soweit ich weiß. Da bewegt man sich auf dünnem Eis und am Ende droht schlimmstenfalls die Abschiebung, “erklärte sie mir und gab mir die Nummer einer Frau aus dem Helferkreis die sich anscheinend mit derlei Dokumenten am besten auskannte. Von dieser lernte ich dann dass nur eine Person im Helferkreis dieses Dokument hat, und riet mir bei den Behörden nach dem Formular zu fragen. “Was soll das den für ein Formular sein?,” fragte mich der Herr vom Sozialamt. “Wir sind für Unterbringung zuständig. Wenn es um Arbeit geht ist das Jobcenter oder Arbeitsamt zuständig. Aber wenn es sich nur um Freiwilligenarbeit handelt, dann glaube ich nicht das es da was anzumelden gibt.” “Sind die beiden den schon beim Jobcenter gemeldet oder haben eine Festanstellung und wie heißen die beiden den?”, fragte man mich beim Arbeitsamt. “Nein”, meinte ich, “der eine macht gerade einen Integrationskurs und der andere war noch nicht mal bei der Aktenanlage in München bisher,” erklärte ich ihm. “Und was wollen sie dann bei uns? Wir sind nur für die Jobvermittlung zuständig. Ich rate ihnen bei der Ausländerbehörde oder im Sozialamt nachzufragen,” riet er am Ende. “Ja die vom Sozialamt haben mich ja zu ihnen geschickt,” meinte ich etwas amüsiert. Ich probierte es nochmal bei der Ausländerbehörde. “Ja nein das tut mir jetzt wirklich leid aber die Zuständigen für ihre Flüchtlinge sind gerade in Traunreut und da wahrscheinlich den ganzen Tag aufgrund der Ankunft neuer Flüchtlinge,” erklärte mir die Dame zu der ich beim Empfang durchgestellt wurde. “Na da muss es doch dann eine Ersatzperson geben die mir eine so simple Frage beantworten kann. Sie zum Beispiel,” entgegnete ich. “Hmm ja, aber wissen Sie ich bin hier noch relative neu und was falsches möchte ich Ihnen nun auch nicht sagen. Aber die beim Sozialamt die wissen das doch sicher.” erhielt ich zur Antwort. Also probierte ich nochmal mein Glück beim Sozialamt. Am Ende erhielt ich dann die Nummer der Diakonie mit dem Verweis die hätten Erfahrung mit solchen Fällen. Das Gespräch mit der Diakonie war mein letztes an diesem Tag zu diesem Thema. “Wir haben kein solches Formular da bin ich mir Recht sicher. Dass sie jetzt nirgendwo eine Antwort auf Ihre Frage bekommen haben wundert mich auch nicht. Aber wissen Sie ich habe einmal von einem ähnlich gelagertem Fall gehört. Und da meinte wohl ein Anwalt das wäre ähnlich dem Prinzip der guten Nachbarschaftshilfe. Hoffen Sie einfach das nichts passiert und wenn doch, dann sagen Sie die beiden haben einfach kurz ausgeholfen.” Nach circa eineinhalb bis zwei Stunden telefonieren mit verschiedenen Behörden war ich dann am Ende genauso schlau wie vorher. Ich es mit Humor genommen, mich aber gleichzeitig gefragt, wenn die einfachen Dinge wie Freiwilligenarbeit schon so unglaublich kompliziert scheinen, wie mühselig muss es dann für alle Helfer sein kompliziertere Angelegenheiten wie zum Beispiel die Vermittlung von Festanstellung oder Krankenhausbesuche zu regeln?

 

 

 

Ich werde Deutschland zeigen was ich kann

 Qais Yaqubi ist bestens integriert

 

Qais Yaqubi stammt aus Kabul in Afghanistan und lebt seit einem Jahr in der Asylbewerberunterkunft in Brünning. Seit Anfang September hat er einen Arbeitsplatz bei BSH in Traunpic3reut. In seiner Freizeit engagiert sich der junge Mann ehrenamtlich beim THW und im Verein »Unlimited Partnership«. Er betont: »Ich will Deutschland zeigen, dass ich was kann. So viel Hilfe bekomme ich hier, da möchte ich auch was zurückgeben.«

Anfang 2015 machte sich Qais Yaqubi auf den Weg, seine Flucht dauerte dann insgesamt fünf Monate. Aus seiner Heimat fliehen musste er aufgrund eines Falls von Blutrache. Sein Cousin wurde aus diesem Grund bereits getötet und auch sein Leben war bedroht, die Familie war in großer Sorge. Über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien machte er sich zu Fuß, mit dem Bus oder dem Boot auf den Weg nach Deutschland.

Der 20-Jährige lenkte das Boot über das Mittelmeer

Bei der Überfahrt auf dem Mittelmeer von Izmir nach Samos lenkte der 20-Jährige selber das neun Meter lange Boot, auf dem 73 Personen zusammengepfercht waren. Dadurch erhielt Qais einen Rabatt auf den Fahrpreis. Im August 2015 kam er in Deutschland an, seit September wohnt er in Brünning. Noch ist er dort in der Flüchtlingsunterkunft, sucht aber ein eigenes Appartement oder eine kleine Wohnung im Raum Traunreut.

Dass Qais die Arbeit bei BSH bekam, ist nicht zuletzt seinem großen Lerneifer und Engagement zu verdanken. Er hat in Afghanistan keine Schule besucht, brachte sich einige Spra
chen, darunter Englisch, und das Schreiben selber bei. Nach sechs Monaten im »IdA Bayern Turbo Programm«, einem Berufsförderprogramm für Asylbewerber mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit, und mehreren Praktika in Betrieben in der Region, war er so fit, dass er bei BSH die Stelle als Monteur bekam. Damit hat sich ein erster Traum des jungen Mannes erfüllt. »Bei BSH kann man Zukunft bauen. Das ist eine in der ganzen Welt bekannte Firma und ich will zum Erfolg des Unternehmens beitragen«, freut sich Qais Yaqubi. Ihm gefällt die Arbeit im Team, er lernt viel von den Kollegen, sieht in dem Job eine große Chance für seine Zukunft und ist der Meinung, dass auch die Firma von einem Mitarbeiter aus einem anderen Kulturkreis profitieren kann.

BSH-Personalleiter Otto Rockel meint dazu: »Unser Ziel ist es, als Unternehmen insbesondere im lokalen Umfeld unseres Standortes in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden und Hilfsorganisationen gezielt sinnvoll Hilfe zu leisten. Hierbei prüfen wir auch, wie am Beispiel von Qais Yaqubi, wie wir Flüchtlinge bei uns im Unternehmen beschäftigen können. Integration ist für uns dabei eine Selbstverständlichkeit. Unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung und Religion kann sich jeder bei uns im Unternehmen bewerben, der Motivation, Fachkenntnisse, Grundkenntnisse der deutschen Sprache und Akzeptanz für unsere Kultur des Miteinanders mitbringt.«

Neben der Arbeit engagiert sich Qais Yaqubi, dessen Verfahren zur Anerkennung noch läuft, ehrenamtlich. Als vergangenes Jahr Franz Kern vom Verein »Unlimited Partnership« in der Flüchtlingsunterkunft in Brünning nach Helfern für den Weihnachtsmarkt zugunsten armer Menschen in Uganda und Sierra Leone suchte, erklärte sich Qais sofort bereit, mitzuhelfen: »Wenn mich ein deutscher Mann bittet, dann helfe ich ihm natürlich.«

Seit Januar ist er auch eifriges Mitglied beim THW-Ortsverband Traunreut. Seine Motivation dafür macht er deutlich: »Ich will neue Freunde finden, neue Fähigkeiten erlernen, bei Einsätzen mitmachen.« Für Wolfgang Marold, Ortsbeauftragter des THW, ist es wichtig, dass die Flüchtlinge vernünftig beschäftigt werden: »Wir wollen unseren Beitrag zur Integration leisten.« Dafür, dass die Asylbewerber ehrenamtliches Engagement normalerweise überhaupt nicht kennen, habe sich Qais überraschend schnell und mit großem Einsatz in die Gruppe eingefügt.

»Wer Ärger macht, soll abgeschoben werden«

Qais ist überhaupt sehr hilfsbereit, fungiert auch immer wieder als Übersetzer für seine Landsleute. Er ist unglaublich dankbar, in Deutschland sein zu dürfen und hier so viel Hilfe zu beko
mmen. Da möchte er auch etwas zurückgeben. »Hier fühl‘ ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder sicher«, erklärt er. Über Asylbewerber, die diese Dankbarkeit nicht zeigen und Probleme machen, hat der Afghane eine ganz klare Meinung: »Wer Ärger macht, soll abgeschoben werden. Er schadet sonst nur denen, die ihre Chance hier nutzen wollen.« mix

Quelle: Traunsteiner Tagblatt vom 27.10.2016